Baustelle Kalk: ein ambitionierter Projekt- und Kulturraum

Diese Überschrift könnte man auch falsch verstehen – oder richtig, wie man’s nimmt. Kalk ist seit vielen Jahren eine Baustelle, nur dass fast alles, das in diesem Veedel Kölns gebaut wurde, nicht im positiven Wortsinn „ambitioniert“ genannt werden kann. Darum geht es hier auch um eine andere, genau genommen DIE „Baustelle Kalk“, ein Gegenentwurf zum hiesigen Baustellen-Verständnis quasi, eine Baustelle, auf der nicht irgendwer für Geld lange Bestehendes platt macht und mit Kommerz-Ungetümen zustellt (die nichts tun als vorzuschreiben, was hier zu tun ist, und das sei Abkaufen), auf der es auch gar keinen Betonmischer gibt oder Presslufthammer, sondern einen Ort, der bleibt und dazu einlädt und inspiriert, ihn auf mannigfaltige Art künstlerisch zu bespielen.

Eingang zur "Baustelle Kalk", Kalk Mülheimer Straße 124, Köln-Kalk
Eingang in den Innenhof der "Baustelle Kalk"

Das unscheinbare Gebäude in der Kalk-Mühlheimer-Straße 124 beinhaltet in seinem Erdgeschoss ein kleines Ladengeschäft und weitere Büroräume sowie eine ehemalige Dachdeckerwerkstatt, die sich in den Innenhof hinein erstrecken. Hauseigentümer Ilhami Erkus, Geschäftsführer der Lohnsteuerhilfe Kalk, erhielt hierfür das lukrative Angebot eines Wettbüro-Betreibers, der die bereits eine Zeitlang leer stehenden Räume mieten wollte. Erkus misshagte diese Vorstellung. Und so kam der Vorschlag einer seiner vier Töchter, das Erdgeschoss als Kultur- und Kreativplattform zu nutzen, coworking spaces zu schaffen und Atelierplätze, genau zur rechten Zeit.

Meryem Erkus, initiative Tausendideenhaberin, Studentin der Film-, Fernseh- und Medienwissenschaften, war nach ihrem Auslandssemester in Istanbul so inspiriert von der kunterbunten kreativen Szene dort, dass ihre schon lange währende Lust, Ähnliches aus der Taufe zu heben, nicht mehr gebremst werden konnte. In den beiden KHM-Studentinnen Janina Warnk und Nicole Wegner fand sie begeisterte Mitmacherinnen. Das BWL-Wissen der älteren Schwester Fatma eignet sich bestens für eine Kassenwärtin. Heraus kam im Februar ein gemeinnütziger Kulturverein, der schon Musiker wie den New Yorker Schlagzeuger Mike Pride oder die Belgrader Filmemacher Muriel Buzarra und Natasa Sarkic auf die neue Kalker Bühne holte.

v.l.n.r.: Nicole Wegner (2. Vorsitzende), Meryem Erkus (1. Vorsitzende), Fatma Erkus (Kassenwärtin)
v.l.n.r.: Nicole Wegner (2. Vorsitzende), Meryem Erkus (1. Vorsitzende), Fatma Erkus (Kassenwärtin)

Im Juli erfuhr man zum Beispiel, auf welch surrealistische Weise die Musikkultur Serbiens damit zusammen hängen mag, dass das Land von mehreren unterirdischen Flüssen beeinflusst wird. Nikola Vítkovic warf mit elektronisch gruseliger Stimme phantastische Theorien in den Raum, illustriert von beispielhaften Kompositionen (siehe „Crni Pek„). Draußen lud Vladimir Palibrk (Gründer des Artspace Elektrika Pancevo) die Gäste zum Comic-Workshop, bei dem per Coworking einzigartige Wolpertinger auf Papier entstanden. Spätestens zum Benefiz-Sommerfest am 11. August strömten Kreative wie Interessierte von 2 bis 65 zigfach in den Hinterhof im Rechtsrheinischen. Orte wie diese gibt es in Köln immer weniger.

Innerhalb von kürzester Zeit hat sich der neue Underground-Kunstort so herumgesprochen, dass Meryem und ihre Genossinnen die Qual der Wahl haben, welche Performance-Künstler, Comic-Zeichner, Musiker usw. sie zum Teil ihres Programms machen. In Rücksicht auf die Anwohner ist das zeitliche Spektrum begrenzt. Das Ende dieser Woche, angefangen vom 16. August, steht ganz im Zeichen des „Kalk vor lauter Bäumen“. Janina Warnk errichtet Laubwald-Atmosphäre im Inneren der „Baustelle“, mit Baumkronen und Blättern, dem Duft nach Harz und feuchtem Moos. Der Maulbeerbaum aus Nachbars Hinterhof wird seinen Teil zu dieser Installation beitragen. Besucher mögen festes Schuhwerk tragen und Körbe für die Pilze.

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Henrik Link zur Veranstaltung
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